top of page

Hochsensibilität und Stolz – zwischen Selbstermächtigung und stiller Isolation

13. Mai
3 Min. Lesezeit




Hochsensibilität hat in den letzten Jahren eine neue Wertschätzung erfahren.

Was lange Zeit als Schwäche, als „zu viel sein“, als Überforderung im Kontakt mit der Welt erlebt wurde, darf heute mehr und mehr als Gabe verstanden werden.

Und das ist gut so!

Es ist eine heilsame Veränderung, wenn Menschen ihre feine Wahrnehmung nicht mehr nur als Bürde erleben. Wenn sie erkennen, dass es eine besondere Fähigkeit ist, vielspürig zu sein, eigene Stimmungen, und die, Anderer, wahrzunehmen und Verbundenheit in der Natur aber auch im Kontakt mit ihren Mitmenschen sehr tief zu erleben.

Doch wie so oft liegt auch hier eine feine Ambivalenz.


Wenn aus Selbstannahme Identität wird


Was als liebevolle Anerkennung und Öffnung zu neuen Bedeutungen beginnt, entwickelt sich manchmal zu etwas anderem: zu einer starken Identifikation. „Ich bin hochsensibel.“ Dieser Satz kann öffnen –aber er kann auch begrenzen.

Denn in dem Moment, wo Hochsensibilität zu einem festen Selbstbild wird, entsteht die Gefahr, dass wir uns darin einrichten, dass wir beginnen, uns über diese Eigenschaft zu definieren. Dass sie zu einer Linse wird, durch die wir uns selbst und die Welt betrachten. Und manchmal auch: zu einer deutlichen Abgrenzung von unseren Mitmenschen.


Der feine Stolz


Es gibt eine Form von Stolz, die leise daherkommt. Ein Stolz darauf, anders zu sein, feiner zu fühlen tiefer zu verstehen, sensibler wahrzunehmen.

Dieser Stolz ist oft verständlich. Er entsteht vielleicht aus einer langen Geschichte des „sich nicht richtig Fühlens“.  Aus dem Bedürfnis nach Befreiung von der Anpassung an gefühlte Erwartungshaltungen. Aus Momenten, in denen man sich zu viel, zu empfindlich oder nicht passend gefühlt hat. Endlich bekommt das eigene Erleben einen Wert. Endlich macht das eigene Erleben Sinn. Und doch…


Stolz ist trennend


Denn Stolz hat eine Richtung. Er hebt uns – oft unmerklich – ein Stück heraus aus der Gemeinsamkeit, aus dem gemeinsamen Menschsein. Aus der Gleichwertigkeit.

Und genau hier landen wir schnell in einer Illusion von einer Verbesserung unseres Erlebens. Das „sich nicht richtig fühlen“ ersetzen wir durch „ich bin bedeutsamer als die anderen“ und fühlen uns damit genau so einsam wie zuvor.  Denn: Stolz macht einsam. Nicht unbedingt offensichtlich. Aber subtil.

Er kann dazu führen, dass wir uns innerlich distanzieren. Dass wir uns unverstanden fühlen – oder auch bewusst oder unbewusst andere als „weniger bedeutsam“ erleben.

So entsteht Trennung, wo eigentlich Verbindung möglich wäre.


Die Sackgasse der Identifikation


Wenn Hochsensibilität zur festen Identität wird, kann sie paradox wirken:

  • Sie erklärt vieles – aber lässt wenig Bewegung zu

  • Sie gibt Halt – aber engt uns ein

  • Sie schützt – aber verhindert Entwicklung

Dann wird aus einer Fähigkeit ein Rahmen. Aus einer Qualität ein Konzept.

Und die Lebendigkeit dahinter – das, was du eigentlich bist – wird kleiner.


Jenseits von „Ich bin so“


Vielleicht liegt die eigentliche Freiheit nicht darin, zu wissen, was wir sind, sondern darin, es nicht festhalten zu müssen.

Du bist nicht deine Hochsensibilität.

Du hast Zugang zu feiner Wahrnehmung. Zu intensiven Empfindungen. Zu einer besonderen Form von Resonanz mit der Welt.

Aber du bist mehr als das.


Die Integration


Es geht nicht darum, Hochsensibilität abzulegen. Und auch nicht darum, sie klein zu machen.

Im Gegenteil.

Es geht darum, sie zu integrieren.

Das bedeutet:

sie zu würdigen, ohne dich über sie zu definieren

sie zu nutzen, ohne dich von ihr bestimmen zu lassen

s

sie zu fühlen, ohne dich in ihr zu verlieren

Dann wird sie zu einer Qualität unter vielen. Zu einer Fähigkeit, die dir dient – nicht zu einer Identität, die dich begrenzt.


Ein Raum jenseits von Stolz


Vielleicht gibt es einen Raum, in dem weder Überforderung noch Stolz notwendig sind.

Einen Raum, in dem du einfach sein kannst.

Mit deiner Sensibilität. Mit deiner Stärke. Mit deiner Verletzlichkeit.

Nicht besser. Nicht anders. Nicht besonders.

Sondern einfach:

lebendig.

Kommentare


bottom of page